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Luna – Mein Zuhause auf der Erde

Serenya

15 Der Schirm der Vertuschung

Der Portaltunnel war am Ende nur noch ein Faden aus Licht. Dort, wo eigentlich der erste Lichtstrahl von Serenya beginnen sollte, spannte sich ein übergroßer Schirm quer in den Weg. Auf seine Innenseite war in braver, aber unerschütterlicher Schrift gemalt: „KEIN ZUTRITT. HIER GIBT ES NICHTS ZU SEHEN.“ „Der älteste Trick der Welt,“ sagte Zauberquant leise. „Wenn jemand das Nichts betont, ist meist etwas da, das leuchten will.“ Unter dem Schirm hing ein riesiger Pinsel von beunruhigender Größe - ein Vertuschungspinsel - dicker als eine Straßenlaterne. Er schwang in bedächtigen Bögen und legte Standardgrau über alles, was verdächtig nach Spur aussah: über Geruch, Klang, Kanten, ja selbst über Wörter, die sich in der Luft bildeten.

Wo seine Borsten strichen, wurde die Welt glatt wie ein gebügelter Gedanke. Luna trat näher. Der Pinsel sauste—wusch—so knapp an ihrem Ohr vorbei, dass der Luftzug ihr Fell nachdenklich machte. Ein Spritzer traf ihre Pfote. Für einen Herzschlag verlor die Pfote ihre Kontur. Das Grau flüsterte höflich: Sei doch niemand, das ist bequemer.

Luna atmete vier ein, sechs aus. „Nein.“ sagte sie gelassen. Und das Grau fiel von ihr ab wie Puder, der nie zu ihrem Näschen gehörte.

„Offiziell ist hier alles in Ordnung,“ tönte die Schirmstimme, so sachlich, als hätte sie ein Zertifikat dafür.

„Wenn etwas wirklich in Ordnung ist,“ antwortete Luna, „braucht es keinen Schichtdienst mit Pinsel.“

Der Pinsel holte aus. Sie wich nicht panisch aus, sondern präzise, als würde sie einem Gedanken Platz machen.

„Hast du einen Plan?“ fragte Zauberquant. „Zwei sogar“ sagte Luna mutig. „Humor. Und dann viel Klarheit. In dieser Reihenfolge.“

Sie hielt kurz inne, als erinnere sie sich an etwas, das nach ihrem alten Zuhause auf der Erde roch. „SissiLuma hat einmal versucht, meinen Möhrchenfleck wegzupinseln. Das Ergebnis war: LolloTans Hemd, die Wand und ich waren drei Tage lang voller Karottennebel.

Man kann vieles überdecken—sichtbarer wird es dann trotzdem und zwar erst recht.“

Zauberquant glühte amüsiert. „Vertuschung: die Kunst, Hinweise zu dekorieren.“

Der Pinsel setzte zum großen Strich an. Luna hob ihr Portalsiegel "klar" hoch — ein runder, ruhiger Schein mit einer scharfen Lichtkante, so sachlich wie ein sauberer Spiegel.

Als die Borsten trafen, perlte das Grau an der Lichtkante ab, sammelte sich zu Tropfen und kroch beleidigt an den Tunnelboden.

In den Pfützen stand, spiegelverkehrt und unabsichtlich ehrlich: S E R E N Y A.

„Danke für die Kooperation,“ sagte Luna zum Schirm der Vertuschung.

„Anzeigefehler,“ erwiderte die Stimme hastig. „Bitte gehen Sie weiter—also ähm nicht weiter. Also… bleiben.“

Luna kniete und pflanzte einen Fragenseed in die kalte Fläche des überwiegend grauen Bodens.

Was ist hier wirklich? fragte sie—nicht laut, sondern gerade. Eine Ranke spross, dünn wie eine Behauptung, die recht hat, und trank das Grau, bis das Grau verschwand und der Ausgang nun erschien:

Plötzlich war der Geruch von Minze und Desinfektion wieder da.

Das leise Schaben eines Metallbetts, und ein Atem, der vorsichtig bis vier zählt, um nicht zu zerbrechen.

Für einen Augenblick flackerte ein Bild auf: der Junge, sitzend in einem fensterlosen Raum, die Hände um Funken gelegt, als müsse er sie beschützen—oder sie ihn. Dann war das Bild weg, aber die Luft wusste nun, dass es wahr war.

Der Pinsel beschleunigte, als könne Eile die Wahrheit vertuschen. Wusch—wusch—wusch.

„Du meinst es ernst,“ sagte Luna milde zum Stiel. „Aber du arbeitest gegen die Physik der Dinge.

Wahrheit ist nicht laut. Sie ist da. Zauberquant nickte. „Und Vertuschung ist nicht das Gegenteil von Wahrheit. Sie ist die Distanz zu ihr.“

Luna hob das Klar-Siegel wie einen Deckel an und schob es nun vor sich her. Das Grau wich rückwärts, als hätte es plötzlich Kantenangst.

Eine letzte, dicke Welle quoll von der Schirmkante. Luna schnippte—fast verspielt—einen Mikrokrümel ihrer letzten Möhrchenreste dagegen.

Das Grau bekam Punkte. Orange. Erst wenige, dann so viele, dass die Tarnung aussah wie Kostüm.

Zauberquant gluckste. „Nichts schreit lauter ‚Hier!‘ als eine Vertuschung in Polka-Dots.“

„Muster sind Gedächtnis,“ sagte Luna. „Es ist wichtig, sich zu erinnern.“

Einen Atemzug lang wurde Lunas Fell durchscheinend. Unter der Hündin zeichnete sich kurz eine menschliche Gestalt ab: Hände, die Türen ohne Klinke öffnen könnten; Schultern, die „Ich bleibe“ tragen.

Nicht prahlerisch, nur möglich. Dann war sie wieder ganz Pfote, ganz Fell, ganz Luna. „Gesehen,“ sagte Zauberquant sanft. „Dränge nichts,“ fügte er freundlich hinzu. „Die Form ist wie Kleidung.“

Der Schirm zitterte inzwischen, als hätte ihm jemand die Wahrheit angedeutet. Er klappte kleiner, kleiner, und schließlich auf ein normales Regenschirmmaß.

Die Punkte blieben. Das Grau machte noch einen tappigen Strich in die Luft und versiegte wie ein Argument, das seinen Grund vergessen hat.

„Darf er gehen?“ fragte Zauberquant. „Er darf pausieren,“ sagte Luna. „Heute übermalen wir nicht. Heute sehen wir hin.“

Hinter dem Schirm roch es deutlich nach Klinik: nach frisch gewischtem Boden, nach müdem Neonlicht, nach „Hier zählen wir, was sich nicht zählen lässt“.

Weit vorn, dort, wo Serenya beginnt, pulsierte die Stille, als trüge sie eine Nachricht, die nur ruhig gelesen werden kann.

Luna drehte sich noch einmal um und verneigte sich knapp vor dem Pinsel. „Danke, dass du müde bist. Müde Dinge kann man überzeugen.“

Dann legte sie das Klar-Siegel zurück an ihr Herz, atmete vier ein, sechs aus und setzte den Schritt unter den Schirm hindurch.

„Bereit?“ fragte Zauberquant. „Bereit genug,“ sagte Luna freudestrahlend.

„Fragen sind wie Taschenlampen. Wer sie ruhig hält, findet den Weg...“
– Zauberquant, leuchtendflüsternd
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